Hätt ich

von einem unbekannten Autor
Weißt Du, was in dunkler Nacht,
Wenn schon alles liegt im Schlummer,
Mir das Auge schlaflos macht
Und mein Herz erfüllt mit Kummer?
Was so unablässig nagt,
Dass man schier darob verzagt?
Ach, wohl kennet ihn mein Herz.
Hab´ in nächtlich stillen Stunden
Oft mit brennend, heißem Schmerz
Seines Stachels Weh empfunden.
„Hätt ich“ heißt er und dies Wort
Quält die Seele fort und fort.
Kennest Du den Plagegeist,
Der mit rauschendem Gefieder
Nächtlich um Dein Lager kreischt,
Und wenn sich senkt hernieder,
Dir mit vorwurfsvollem Ton
Worte flüstert, wie zum Hohn?
„Hätt ich“ das nur so gemacht!
Hätt ich jenes nicht begangen!
Hätt ich das nur recht bedacht!
Hätt ich anders angefangen!
Hätt ich das nur nicht versehn,
Wäre manches nicht geschehn.
Hätt ich meinen Gott und Herrn
Nicht so oft und schwer betrübet!
Hätt ich Menschen, die nun fern,
Mehr und inniger geliebet!
Hätt ich nur Geduld,
Wäre nicht so groß die Schuld.

Hätt ich nur von Anfang an
Manches anders angefangen,
Wär auf meiner Lebensbahn
Vieles anders wohl gegangen,
Doch nun ist der Weg verfehlt.
Und das ist es, was mich quält.
Also flüstert fort und fort
Jener Geist zu meiner Seele,
Haucht ihr ein manch wahres Wort,
Dass er sie mit Schwermut quäle.
Doch ich hab ihn jetzt erkannt
Und durch Christi Blut gebannt.
Hab ich vieles auch versehn,
Kann es Gott zum Besten lenken;
Was nun einmal ist gescheh´n,
Soll mich nun nicht länger kränken.
Alles steht in Seiner Hand,
Auch des Herzens Unverstand.
Drum nur getrost mein Herz!
Darfst nicht in Gram versenken.
Sündlich wäre solch ein Schmerz,
Dem Du wollst ein „Hätt ich“ schenken.
Halt ihm vor das Gotteswort,
Und du treibst es damit fort.
Dünken deinen schwachen Mut
Krumm und dunkel deine Pfade,
Glaube nur, die sind doch gut,
Gehen zum Himmel schnurgerade.
Wer den Herrn zum Führer wählt,
Dessen Weg ist nie verfehlt.
Ja, du dunkler Geist der Nacht,
Aus der Tiefe aufgestiegen,
Der das Herz nur traurig macht,
Sollst hinfort mich nicht betrügen.
Weich von mir und bleibe fern!
So gebeut das Wort des Herrn
Dieses ist´s, was mir verspricht,
Mich zu führen, wo ich irre;
Dieses gibt mir Trost und Licht,
Löset auf, was mich verwirre,
Machet alles Dunkle hell
Und ist meiner Freude Quell.
Und wenn nach der Tränensaat
In dem dunklen Tal der Leiden
Sich mein Lauf geendet hat,
Und die Seele darf nun scheiden,
O dann singt sie mit Bedacht:

Gott hat alles wohl gemacht.

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