Säg` am Kreuz nichts ab!

von A. Jung
Der Kampf ist heiß, die Last ist schwer,
Oft seuf´st du müde: „Ich kann nicht mehr!“
Doch halte nur aus, einst wird dir´s klar,
Wie nötig hier unten das Kreuz dir war.

Auf hartem Stein am Waldesrand
Sitzt müde ein Greis, den Stab in der Hand.
Er kann nicht mehr weiter, er ist zu matt,
Weil er so viel Schweres zu tragen hat.

Still schaut er im Geiste den Weg, den er kam.
Er fing einst so herrlich mit Sonnenschein an.

Noch denkt er in stiller Wehmut zurück,
Doch liegt in Trümmern, was einst war sein Glück.
Nicht´s ist ihm geblieben, so arm und allein
Muß er bis ins hohe Alter nun sein.

Da krampft sich das Herz zusammen vor Weh:
„Mein Gott, warum muß diesen Weg ich gehn?“
Und über dem Denken und über dem Sinnen
ihm heiß von der Wange die Tränen rinnen.

Doch nach und nach wird´s still in der Brust,
Er ist sich der Gotteskindschaft bewusst,
Drum schaut er im Glauben hinauf zur Höh`:
“Dort wird sich das klären, was ich nicht versteh.“

So faßt er den Stab, und mit leisem Gesang
Geht er heim zur Hütte am Bergeshang,
Legt müde vom Wandern zur Ruh sich hin.
Noch zieht ihm so manches durch den Sinn.

Auf all sein Sorgen und was er gefragt,
Im Traume Gott selbst ihm die Antwort sagt.
Er sieht sich als Pilger von Land zu Land
Recht mühsam wandern im Pilgergewand.
Er nimmts und schiebts über´n Graben her,
Doch ´s ist zu kurz, es reicht nicht mehr,
es fehlt das Stück, das er abgesägt.
„Ach hätt ich’s doch nicht“, seufzt er tief bewegt,

Nun stehe ich hier so nahe am Ziel,
Und kann doch nicht hin, weil mir´s Kreuz nicht gefiel
Er weint und schreit, er klagt sich an,
Weil er schuld, dass er zur Stadt nicht kann.

Dann naht ein Pilger, der auch ein Kreuz trägt,
Von dem er aber n i c h t s abgesägt.
Er kommt zum Graben, legts Kreuz drüber hin
Und geht zur Stadt mit frohem Sinn.

Da denkt unser Pilger: Ich will doch seh´n,
Ob über dies Kreuz ich zur Stadt kann geh`n.
Er tritt hinzu, o weh, es kracht,
Mit einem Schrei ist er aufgewacht.

Er sieht sich im Zimmer, er ist noch hier,
„Mein Gott, o von Herzen danke ich Dir!“
Es war nur ein Traum, doch die Angst und Qual
Möcht ich durchkosten nicht noch einmal.

Ich seh nun mein Kreuz an als göttliche Gab
Und säg an demselben nichts mehr ab.

So muß es sein, wie der Vater es macht,
Und geht auch mein Weg durch Trübsal und Nacht,
Ich harre still aus, trag Kreuz und Leid,
Es ist mir ja Brücke zur Herrlichkeit.


Und du, der du auch ein Kreuze trägst,
Und auch gern ein Stückchen davon absägst,
Tu´s nicht, denn es ist eine göttliche Gab,
Denn sägst Du, dann sägst du den S e g e n ab.
Das Ziel seiner Wandrung ist jene Stadt,
Die Gott, der Herr, selbst gegründet hat.
Und auf dem Rücken ein Kreuz er trägt,
Das ist die Last die Gott aufgelegt.

Er wandert mutig, das Ziel winkt von fern,
Schon glänzt die Stadt wie ein goldener Stern.

Doch heiß brennt die Sonne, das Kreuz drückt sehr,
Er muß einmal ruhen, er kann bald nicht mehr.
Dort steht ja ein Häuschen so schmuck und klein,
Dann nimmt er das Kreuz ab; wie ruht sichs hier fein.


Als er dann weiter des Weges will gehn,
Sieht eine Säge er neben stehen.
Da denkt er: Dein Kreuz ist so lang und schwer,
Du sägst etwas ab, dann drückst dich nicht mehr.

Schnell ist es getan, nun war leichter die Last,
Er denkt: Wie gut, das dus abgesägt hast.
Nun geht das Wandern bequem und leicht,
Jetzt ist das Ziel viel schneller erreicht.

Bald sieht er die Stadt auch schon vor sich stehn
Wie herrlich und schön ist sie anzusehn!
Ein Graben trennt ihn noch von der Stadt,
Der aber keine Brücken hat.

Er läuft entlang, er sucht und sinnt.
Doch eine Brücke er nirgends find´t.
Da fällt ihm das Kreuz auf dem Rücken ein,
Vielleicht könnte das ihm jetzt Brücke sein.
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