Reisebericht Ukraine November 2009

Ukraine November 2009

„Unser gefährlichster Feind ist nicht irgendeine falsche Lehre, sondern die Sattheit. Wenn das Herz nicht mehr unruhig ist; wenn religiöse Sitte und Gebet Gewohnheit sind, aus denen der Geist geflohen ist; wenn die Lippen große Worte sagen, aber das Herz eng ist; wenn der Mensch anfängt, sich selbst zu verteidigen; wenn er in die geistige Windstille gerät: Das ist Gefahr!"  Friedrich Dessauer

Unser diesjähriger Einsatz in die Ukraine begann am 4. November 2009. Um 8:00 sind wir mit zwei Fahrzeugen in Richtung Grenzübergang gestartet. Manche von uns waren seit Jahren nicht mehr auf der Fahrt und die Ge­fühle waren die gleichen wie bei der allerersten Fahrt. Voller Erwartungen, mit Vorfreude aber auch Unsi­cherheit waren wir unterwegs. Die Medien in Deutschland haben im Vorfeld viel über die sich stark ausbrei­tende Schweinegrippe in der Ukraine berichtet. Es wurde über geschlossene Schulen und über ganze Städte, die unter Quarantäne gestellt wurden, berichtet. So fuhren wir ins Ungewisse hinein: lässt man uns an der Grenze überhaupt rein, werden wir die geplanten Besuche auch alle machen können, und lässt man uns nach­her auch wieder nach Hause? Viele Fragen und nur eine Antwort - der HERR weiß es ganz gewiss, und wir sind in seiner Hand.

Als wir an die Grenze kamen, und alles so schnell und reibungslos ging, wurden wir ermutigt und durften unseren Weg fortsetzen. In Nikolajev kamen sechs Schwestern aus Moldavien und ein Ehepaar aus Deutsch­land zu uns dazu.
Mit 17 Personen fuhren wir weiter nach Mariupol. Dort wurden wir von dem Ehepaar Jura und Lena, die viele Besuche für uns geplant hatten, herzlich aufgenommen. Einige Geschwister aus Mariupol schlossen sich uns an und begleiteten uns bei den Einsätzen. Gemeinsam durften wir Gottes Segen erleben.

Als erstes stand der Besuch eines Altersheimes auf dem Programm, das wir noch nie besucht hatten. Die Bot­schaft von einem HEERN, der zu jeder Zeit für einen da ist, wird im Alter und in der Einsamkeit des Altenheims so sehr gebraucht. Aber auch die Botschaft darüber, dass der HERR nicht nur unsere Krankheit und Schmerzen lindern kann, sondern auch Schuld und Versagen unseres ganzen Lebens auf sich zu nehmen vermag.

Am nächsten Tag, den 8. November, waren wir in zwei Standorten des „Blauen Kreuzes" eingeladen, um die Gottesdiens­te mitzugestalten. Es war sehr neu und ungewohnt diese Umgebung, so laut und bunt auf den ersten Blick. Es waren viele ältere Frauen da. Fein frisiert und stark geschminkt in ihren Jacken und Mänteln, die gar nicht mal so schlecht ausgesehen haben. Aber wenn diese Mäntel zufällig mal aufgingen, sah man die abgetragenen Pullover da drunter und die plötzliche Unsicherheit in den Augen, weil es jemand gesehen haben könnte. Es war wie ein Bild auf uns selbst. So fein zu recht gemacht und doch so schäbig innen drin. Es war eine lebendi­ge Predigt für mich, als eine dieser Frauen für uns ein Lied sang. Ein Lied, das die Jugend besang und mit einer ernsten Ermahnung schloss: das Leben Gott zu übergeben, um sich später seiner Jugend nicht schämen zu müssen.

Am Montag, den 9. November durften wir in der Psychiatrischen Klinik gesegnete, schöne Gottesdienste miteinan­der erleben. Bruder Jura, der dort regelmäßig Dienst tut, begleitete uns. Es hat mich stark beeindruckt, mit welcher Liebe die Klinik geführt wird. Sauber, hell und ruhig ist es dort. Die Räume der Frauenabteilung sind in warmen Pastellfarben gehalten und sehr gemütlich eingerichtet. Dass der Leiter und die Pflegekräfte den Patienten ihre Würde als Frauen lassen und sich um sie bemühen, ist in den Staaten der ehemaligen GUS nicht üblich. Auch die Räume der Männer sind gut eingerichtet in den weichen Blau-Grün-Tönen. Die Gesich­ter der Menschen dort tauchen immer noch vor meinen Augen auf. Wie viel Traurigkeit und Leere, wie viel Einsamkeit, welchen Hunger nach dem Wort Gottes haben wir dort erlebt. Die Geschwister, die ihre Fotoap­parate dabei hatten, haben jedes Mal gefragt, ob sie fotografieren dürfen. Die Männer waren immer einver­standen, aber die Antwort der Frauen lautete auch mal „nein".

Sehr eindrucksvoll war für uns alle ein Erlebnis in unserem letzten Gottesdienst in der Männerabteilung. Da es der siebte Gottesdienst war, waren wir schon ziemlich ermüdet. Am schwersten hatte es Bruder Hermann, der jedes Mal ein Wort an die Menschen richtete. Und so fehlten ihm hier einfach die Worte. Als er so um das Wort rang, sang eine Schwester das Vaterunser als Lied. Mitten im Lied, das sie auswendig konnte, vergaß sie aber plötzlich den Text. Spontan kam eine Reaktion von einem der Patienten: „Macht nichts Natascha, nächstes Mal klappt es bestimmt! Mache dir keine Sorgen!" So hat der HERR dem Hermann das Thema für die Predigt gegeben und uns allen sehr viel zum Nachdenken. Nur ein Mensch, der selbst Niederlage und Versagen erlebt hat, kann einen Anderen aufmuntern und aufrichten. Nur ein stiller Geist kann, ohne sich zu überheben, die Niederlagen eines Anderen aushalten.

Nachmittags am gleichen Tag führte uns der HERR ins Obdachlosenasyl. Die Hoffnungslosigkeit dort traf uns stark. Die Botschaft davon, dass der HERR uns durchs Leben führen will, dass Er wie der Weg in den Bergen ist, wo auf der einen Seite die hohe Felsenwand und auf der anderen ein tiefer Abgrund ist, war auch für uns sehr teuer. Als wir am Abend in der Gemeinde an der Oststraße eintrafen, war es unser neunter Gottesdienst, und wir staunten darüber, dass wir noch aufrecht stehen konnten.

Am Dienstag durften wir dann das christliche Kinderheim und zwei Gemeinden besuchen und freuten uns sehr über die Predigten, sowie über die Lieder und Zeugnisse der Geschwister aus Mariupol, die uns begleiteten.

Den Mittwoch verbrachten wir in den Autos auf dem Weg nach Nikolajev und haben die Zeit zum Schlafen genutzt. Außerdem hat sich herausgestellt, dass in beiden Bussen Sprachunterricht stattgefunden hat: die deutsch sprechenden Geschwister haben russisch gelernt und unsere moldovenischen Schwestern deutsch.

Um Väterchen Alexander in Schlangendorf zu besuchen, haben wir einen Umweg gemacht und wurden mit einer kleinen Führung durch die alte Kirche und einem schön gesungenen Gebet belohnt.

Spät abends kamen wir in Nikolajev an und wurden von Bruder Gena, seiner Frau Natascha und ihren Kin­dern herzlich aufgenommen.

Am Donnerstag, den 12. November, waren wir von Bruder Adam eingeladen, an beiden Standorten seines landwirtschaftlichen Betriebes Gottesdienste für die Belegschaft zu halten. Obwohl sich die Arbeiter, vor allem die Männer, am Anfang zurückgehalten hatten, hörten sie der Botschaft zu. Es war eine ernste Botschaft, die an die Menschen weitergegeben wurde. Eine Botschaft, die klar unsere Situation beschrieb. Unsere Zeit ist zum Ende gekommen. Viele Sünden und Missstände, die in der Bibel beschrieben sind, treten immer offener in Erscheinung. Zwar nicht nur äußere Sünden, sondern vielmehr die verborgenen Sünden in unserem Herzen: Stolz, Unversöhnlichkeit, Prahlerei, Lieblosigkeit, Zuchtlosigkeit, Ungehorsam usw. (2. Timotheus Kapitel 3). Es ist der Zustand unserer Welt heute und oft auch unserer Gemeinden. Und gerade in diese Welt hinein ruft Gott: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.“ Zu den Menschen, die ihre Not in all den Sünden erkennen und auch erkennen, dass sie all dem nicht selbst entfliehen können und an ihrem eigenen Stolz zugrunde gehen, kommt Jesus mit seinem Angebot der Errettung und der Rechtfertigung; mit seinem Angebot, uns von uns selbst zu erlösen. Diese Botschaft kam in vielen Predigten, die auf dieser Fahrt gehalten wurden, durch und traf die Menschen, gleich ob sie im Altenheim oder in der Psychiatrie, auf dem Feld oder im Gemeinderaum waren. Denn hier oder dort, wir brauchen sie alle. Diese Botschaft weckt auf und gibt Hoffnung. Denn dort, wo uns niemand mehr helfen kann, tut es der HERR selbst.

Am darauf folgenden Tag durften wir zum ersten Mal in das Krankenhaus für Tuberkulose- und Aidskranke. Da für alle Abteilungen Gottesdienste gewünscht wurden, durften wir dort am Samstag auch noch ein Besuch abstatten. Es standen Menschen mittleren Alters vor uns, Aidskranke, Tuberkulosekranke, Skelette mit Haut ohne eigenen Willen. Aber genau unter diesen sind die klarsten Bekehrungen und Heilungen, um die sie gar nicht gebeten haben.

Am Freitagnachmittag konnten wir das Heim für geistig behinderte Männer aufsuchen. Dort wurde uns ein sehr warmer Empfang zuteil. Die Männer freuten sich sehr, uns zu sehen. Jedes Lied, jedes Gedicht wurde mit einem lauten und herzlichen Applaus begleitet. Wir erlebten viel Dankbarkeit, die uns tief berührte. Die Arbeit, die Gena und Natascha dort machen, ist schwer, und wir möchten für sie beten, dass der HERR sie weiter­hin segnet.

Am Freitag und Samstagnachmittag sowie am Sonntag waren wir noch in einigen Gemeinden eingeladen und erfreuten uns der Gemeinschaft mit den Geschwistern.

Vieles war sehr schön auf dieser Fahrt. Viele wertvolle Predigten, viele Lieder und Gedichte, Zeugnisse und Morgenandachten durften wir auf dieser Fahrt hören. Viele Gespräche durften wir führen, die uns bis jetzt nachgehen. Auch Spannung und kurze Auseinandersetzung haben wir erlebt und mit Gottes Hilfe bewältigt. Manches war schwer zu ertragen: die Müdigkeit, die Hoffnungslosigkeit der Menschen und der eigene Charakter. Ich hoffe, dass alle diese Erlebnisse uns und den Menschen dort zum Segen werden. Damit unsere Augen den Heiland wieder neu in seiner Größe sehen können. Ihm sei die Ehre für alles.

Wir danken von Herzen für Gottes Gnade und alle Gebete, die uns auf dieser Fahrt begleitet haben, für alle Mithilfe und alles Mittragen, für alle Spenden, so dass wir auch dieses Mal wieder die Not der Ärmsten lindern konnten. Wir konnten auch dieses Mal wieder dort gedruckte und sehr viel mitgebrachte Literatur verteilen.

Bericht eines Mitfahrers
Startseite <I Reisebericht Ukraine November 2009 I
Startseite <I Reisebericht Ukraine November 2009 I